Die Antworten der Logistik auf die Migrationskrise Europas

Die Flut der Migranten auf ihrem Weg nach Europa, die 2015 begann, bleibt auch im Jahr 2016 ein großes internationales Problem. Welchen Einfluss hat die Krise auf die Logistik beim überregionalen Transportvon Produkten, insbesondere an stark überlasteten Grenzübergängen?

Bisher haben wir festgestellt, dass die erwarteten Folgen in Bezug auf höhere Transportkosten und Betriebsunterbrechungen relativ stumm geblieben sind. Das kann sich jedoch schnell ändern. Deshalb müssen Spediteure die Situation genau im Auge behalten und sich auf Unvorhergesehenes vorbereiten. Im Jahr 2015 kamen geschätzt eine Million Flüchtlinge und Migranten nach Europa[1]. Die Zahl aufgenommener Menschen variiert je nach Land, wobei Deutschland die meisten Migranten aufgenommen hat.

Mehrere Länder haben versucht, den Zustrom durch die Einführung strengerer Grenzkontrollen zu steuern. So hat zum Beispiel Dänemark anfangs des Jahres die Kontrollen an den Grenzen nach Deutschland verschärft, nachdem Schweden ähnliche Maßnahmen eingeführt hatte [2].

Aus Sicht der Logistik war das bemerkenswerteste Ereignis in Calais in Frankreich, wo sich Migranten auf LKWs auf dem Weg zum Eurotunnel nach Großbritannien schmuggelten. Viele Spediteure führten Sicherheitsverfahren ein – einschließlich der Anforderung, dass LKWs innerhalb eines bestimmten Radius rund um Calais für eine Überprüfung anhalten müssen – um Diebstähle durch Migranten an Bord der Fahrzeuge zu verhindern.

In einer aktuellen Pressemitteilung teilt der Betreiber des Eurotunnels mit, dass „ihr Frachtservice Le Shuttle das Jahr 2015, getragen durch die Einführung des neuen Sicherheitskonzepts am LKW-Terminal im Oktober 2015 mit einem neuen Rekord abschließen konnte“ [3]. Der Service beförderte letztes Jahr ungefähr 1,5 Millionen LKWs in beiden Richtungen zwischen Frankreich und Großbritannien.

Insgesamt bleibt die Situation in Europa jedoch volatil und schwierig, vorherzusagen. Wie die jüngsten Maßnahmen Dänemarks unterstreichen, sind die Regierungen geneigt, neue Beschränkungen aufzuerlegen, die das Überqueren der Grenzen erschweren können.

Die zunehmende Komplexität kann Verzögerungen verursachen und die Logistikkosten erhöhen. Eine weniger sichtbare Konsequenz ergibt sich daraus, dass mehr rote Bänder an den Grenzen den Mangel an LKW-Fahrern in Europa verschärfen könnten, da die Arbeitnehmer in Europa es als zunehmend schwieriger erachten, sich frei über Ländergrenzen hinweg zu bewegen.

Es gibt jedoch Wege, solche Risiken zu verringern.

Beispielsweise die wichtigsten Grenzübergänge in Europa zu kennen und wo Engpässe entstehen. Derzeit scheinen Engpässe dort zu bestehen, wo bestehende Grenzkontrollen – zum Beispiel in Großbritannien und Frankreich – aufgrund des Zustroms von Zuwanderern verschärft wurden. Sollte sich die Krise allerdings verschlimmern, würde sich für Länder ohne rigorose Grenzkontrollen ein höheres Risiko einer Überlastung ergeben. Seit rund 20 Jahren kann jeder in den 26 europäischen Ländern des Schengen-Raums (nach der luxemburgischen Stadt benannt, in der das Abkommen unterzeichnet wurde) im gesamten Gebiet ohne störenden Grenzkontrollen reisen. Die Krise erodiert nun aber dieses Abkommen und Länder wie Dänemark sehen sich gezwungen, strengere Grenzkontrollen einzuführen, die unweigerlich Verzögerungen zur Folge haben werden.

Eine weitere Strategie zur Verringerung der Risiken ist die Verwendung eines Transportmanagementsystems (TMS) zur Verwaltung von Lieferkettenrisiken mit Bezug auf Migranten an einer Reihe von Fronten.

Ein TMS kann zur Überwachung der Standorte von Transportern und zur Anpassung von Transitzeiten als Reaktion auf unvorhersehbare Unterbrechungen eingesetzt werden. In einer unsicheren Betriebsumgebung erweist sich die Möglichkeit, Frachten dynamisch neu zu routen, als eine äußerst wichtige Ressource. Verzögerungen im Transit können analysiert und kodifiziert werden, um Trends zu ermitteln und Managementberichte zu erstellen.

Ein solcher Bericht beinhaltet zum Beispiel die Details einer Verzögerung oder die Kosten für erneute Zustellung im Zusammenhang mit einer Sendung, die aufgrund der Anwesenheit nicht autorisierten Personals (d. h. Migranten) auf dem Anhänger abgebrochen werden musste. Diese Informationen helfen den Speditionsleitern, die Kosten dieses Risikotyps zu verstehen.

TMC nutzt TMS-Technologie, um Spediteuren zu helfen, strengere Sicherheitsverfahren rund um Calais durchzusetzen. In solchen Situationen überwacht das TMS sowohl die von den Transporteuren eingesetzte Ausrüstung als auch deren Standort, um sicherzustellen, dass die Fahrer die von den Spediteuren vorgeschriebenen „Kein-Stopp-Zonen“ beachten. Die Überwachung von Transporten auf diese Art ermöglicht Spediteuren, korrigierende Maßnahmen zu ergreifen, bevor Probleme entstehen.

Hoffen wir, dass Europa im Jahr 2016 Lösungen für die Migrationskrise finden wird. In der Zwischenzeit müssen Spediteure und andere Logistikdienstleister Vorkommnisse in der Region überwachen und Risikomanagementstrategien einsetzen, wo und wann sie benötigt werden.

[1] „Countries Under the Most Strain in the European Migration Crisis“ (Länder mit der größten Belastung in der europäischen Migrationskrise), New York Times, 22. Dezember 2015. [2] „Denmark Responds to Swedish Border Checks with Own Controls“ (Dänemark reagiert auf schwedische Grenzkontrollen mit eigenen Kontrollen), BBC News, 4. January 2016. [3] “Eurotunnel: Record Breaking Year for Le Shuttle“ (Rekordjahr für Le Shuttle) Pressemitteilung von Eurotunnel, 23. Dezember 2015.

Shane Manning – Direktor, Europa, Mittlerer Osten, Afrika (EMEA)